Daria im Portrait


"Nein, nicht banal. Das Leben!"


Daria Kinzer ist die neue große Stimme im deutschsprachigen Schlageruniversum. So international ihre Wurzeln sind – Österreich, Deutschland, Kroatien – und so weit ihr musikalischer Horizont – Musical, Jazz, Eurovision Song Contest –, so leidenschaftlich geht sie ihren Weg.


Ein Frühsommernachmittag in einem Gastgarten in der Wiener Innenstadt. Daria Kinzer sitzt entspannt auf einem Thonet-Stuhl und trinkt Caffè Latte. Sie ist sportlich-elegant gekleidet, flache Schuhe, Leinenhose, Jacke. Ihr langes blondes Haar fällt weich über ihre Schultern, ihre hellen Augen strahlen. Die attraktive junge 1,81-Meter-Frau zieht interessierte Blicke auf sich, die sie unbekümmert lassen, wenn sie sie überhaupt bemerken will. Sie erzählt, und ihre Stimme klingt dabei so hell und klar wie auf der Bühne.

Etwas weniger entspannt war es zum Beispiel im Januar 2011. Da votet das TV-Publikum in Kroatien für die junge Außenseiterin als seine Vertreterin beim Eurovision Song Contest in Lena-Land. Es folgen mehrere Monate Promotiontour, Rummel europaweit: Serbien, Bosnien, Malta; Moskau, Wien, Amsterdam. Und dann Düsseldorf. Halbfinale, Abermillionenpublikum. Das Finale geht sich knapp nicht aus; "Celebrate", so der Titel ihres Songs, ist trotzdem angesagt: "Singen, auf so einer Bühne, vor so einem Publikum – das ist pure Euphorie!"

Singen, genau darum geht es. Ihre Stimme ist Daria Kinzers Instrument, das sie seit frühester Kindheit spielt. "Zuhause wurde immer gesungen. Nach jedem Essen war Singen dran, für alle, mehrstimmig, fast wie ein Chor." 1988 in Aschaffenburg geboren – der Vater ist Deutscher, die Mutter Kroatin –, wächst sie in Wien in einer Atmosphäre von südländischem Temperament und nordischer Zielstrebigkeit auf. In der Schule singt sie Hauptrollen in Musical-Aufführungen, mit zehn beginnt sie, an Talentwettbewerben teilzunehmen (die sie regelmäßig gewinnt), mit elf beginnt sie ihren Gesangsunterricht: Jazz, Musical, Modern. Zu ihren Lehrerinnen zählen Elly Wright, Witwe des legendären Jazz-Bläsers und Dizzy Gillespie-Bandkollegen Leo Wright, die Musicalstars Cornelia Zenz und Susan Rigvava-Dumas, oder Monika Ballwein, Österreichs Vocalcoach-Institution.

Eine ihrer Ausbildungsstätten ist das renommierte Wiener Franz Schubert Konservatorium. Das lässt Daria Kinzer aber bald wieder hinter sich: "Die operettenhafte Richtung war nicht meine und nicht die meiner Stimme."

Daria Kinzer spielt ihr Instrument Stimme lieber im Musicalchor als Solistin und in Jazzformationen mit Namen wie "Floyd Division" oder "Uniques United". Nebenher studiert sie Unternehmensführung und Management, Theater-, Film- und Medienwissenschaften – und schließt diese Studien erfolgreich ab. "Mir war mit fünfzehn klar, dass das 'bürgerliche Standbein' zu trainieren kein Fehler wäre", sagt sie beiläufig und nimmt einen Schluck Kaffee. "Aber klar war auch, was an erster Stelle steht, immer: Musik. Singen. Das ist mein Leben." Das sagt sie mit diesem einnehmenden Lächeln, und so wie sie es sagt, klingt es nicht nach Klischee.

So wie Daria Kinzer es sagt, klingt es nach Berufung. "Ich wusste schon sehr früh, dass Singen das ist, wofür ich brenne. Das einzige, das ich mit Feuer ein ganzes Leben lang machen kann. Will. Muss!" Dieses innere Feuer ist jetzt in ihren Augen zu sehen, wenn sie von prägenden Musikerfahrungen erzählt, den großen Frauenstimmen, Whitney Houston, Celine Dion. Das Musicalgenre habe sie sehr früh gepackt, die in große Melodien gegossenen Gefühlswelten, die sie als "die Schöne" neben dem Biest, als "Elisabeth", als Hauptdarstellerin in "Chicago", "Cats" oder "Hair" auf der Bühne singend leben kann. Ihre Bühnen stehen im Wiener Konzerthaus, im Wiener Rathaus, im Ronacher Theater. Oft sind sie auch viel kleiner, auf Kreuzfahrtschiffen, in Kellerlokalen, auf Hochzeiten.

Doch so vorgezeichnet der Weg ins Musicalfach scheint, das wirkliche Ziel ist es nicht. "Über Monate oder gar Jahre Abend für Abend dasselbe Repertoire in strikter Abfolge zu singen, konnte ich mir für mich nicht vorstellen." In Kinzers Stimme mischt sich wieder die nüchterne Klarsicht einer Frau, die schon ihr halbes junges Leben lang in der Musikbranche Erfahrungen gesammelt hat. So wie der Jazz würde auch das Musical eine ewige Liebe bleiben, sagt sie. Sie liebe es, weiterhin einzelne Lieder aus den großen Musicals zu singen, so wie sie auch den Jazz als Spielbein und Experimentierfeld nicht aufgeben wolle. Aber: "Ich bin Schlager."

"Schlager wird unterschätzt", sagt Daria Kinzer mit sanftem Ernst, "viele tun ihn gern als banal ab." Tatsächlich sei das nur ein Missverständnis. "Nein, nicht banal. Das Leben! Das ganz normale Leben ganz normaler Menschen, mit allen Hochs und Tiefs." Im Schlager ließe sich all das vereinen, was ihr am wichtigsten sei: "Lieder, Melodien, Ausdruck in der ganzen Bandbreite der Emotionen. Im Schlager hat meine Stimme, mein Instrument, eine musikalische Heimat." Daria Kinzers Leidenschaft ist zu hören und zu spüren, wenn sie davon spricht. "In Liedern kann ich auf meine Weise, auf musikalische Weise, auch erzählen, was mich bewegt. Ich kann Menschen zeigen, was mich berührt, begeistert, glücklich macht – oder aufwühlt." Und genau damit könne sie andere Menschen berühren, begeistern, vielleicht sogar für Augenblicke glücklich machen – "oder auch aufwühlen", wie sie mit einem vielsagend lächelnden Augenaufschlag und hochgezogener Augenbraue nachsetzt. In dieser kleinen Geste zeigt sich ihre Gabe, den Ernst im Spiel und das Spiel im Ernst zu sehen. "Leichtigkeit und Bedeutsamkeit gehören einfach zusammen." Das habe sie gelernt, über ihr Leben und das der Menschen, für die sie singe. Und so sei auch ihre Musik.

"Ich bin Schlager", nickt Daria Kinzer und löffelt genießerisch das Schaumhäubchen von ihrem Kaffee. Sie hat ihr musikalisches Ziel klar vor Augen. Und um das zu erreichen, geht sie mit zuversichtlicher Leidenschaft die notwendigen Schritte, so wie sie es von Anfang an getan hat: So wie sie sich als Zehnjährige selbst bei Talentwettbewerben angemeldet hat, so wie sie als unbekannte Außenseiterin den Song Contest erreicht hat, so wie sie ihre Lehrer, musikalischen Partner und Auftrittsmöglichkeiten gesucht und gefunden hat, so hat sie sich jetzt das Umfeld für ihre Musik geschaffen: Mit Komponist, Autor und Produzent Harald Fendrich arbeitet sie an ihrem ersten Album – das tatsächlich ihr Album sein wird. "Harald geht als Komponist großartig auf mich ein, er schneidert mir die Musik auf den Leib. Also auf die Stimme."

Auch in den Texten steckt Daria Kinzer. Sie bringt ihre Ideen ein, Erfahrungen, Emotionen, ihre Persönlichkeit; das, was sie beschäftigt und was sie anderen Menschen mitteilen möchte. Über Männer und Frauen, Beziehungen, die geglückten Momente und die Enttäuschungen. So wie im Song "Hinter dir die Sintflut": "Ich lauf' gegen Gedanken / Alle dreh'n sich nur um dich / Hinter dir die Sintflut / und nicht die kleinste Chance für mich". In Daria Kinzers Liedern schwingt keine süßliche Naivität, genausowenig Abgebrühtheit. Es sind Beobachtungen, Erlebnisse, Träume einer jungen, selbstbewussten Frau im Hier und Heute, die stark genug ist, ihre Verletzlichkeit zu zeigen. So singt sie etwa in "Sehnsucht": "Die Bilder vergangener Zeiten / halten mich fest / Das Verlangen nach all deiner Liebe / wenn du mich verlässt".

Nein, nicht banal. Einfach: das Leben! In manchen Zeilen vielleicht sogar bis zur offenen Selbst-Entzauberung – die umso mehr verzaubert. "In jeder Schönen steckt ein Biest", zitiert sie lachend einen, den sie lieber ungenannt lassen will. Und kommt damit sehr gut zurecht. "Ich lebe viel zu gerne / und ich lebe intensiv / Das Leben und die Liebe / das ist mein Motiv", bringt sie es in "Ich glaube an die große Liebe" auf den Punkt.

Daria Kinzer hat alles, was zum Erfolg nötig scheint: Talent, Können, Leidenschaft. Aussehen und Ausstrahlung. Was sie sich wünscht? Sie streicht langsam eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, muss nicht überlegen: "Singen. Auf der Bühne mit meinen Liedern. Für Menschen." Und sonst? "Das Leben leben. Nicht nur, um davon zu singen. Obwohl – einiges muss zur Zeit warten. Auf die Gefahr hin, banal zu klingen", spielt kurz ein ironisches Lächeln um ihren Mund, bevor sie mit ihrer ernsthaften Leichtigkeit abschließt: "Musik ist im Augenblick für mich alles."

Man glaubt ihr das. Und dann sieht man sie auf der Bühne: eine junge, elegante Erscheinung. Mit einer großen Stimme. Man spürt die Zuneigung des Publikums für Daria Kinzer. Es wirkt wie der Beginn einer langen Freundschaft.